Tuning- und Tweaking-Mythen

Alle paar Monate wieder sind sie da, die bunten Zeitschriftencover mit den nicht zu übersehenden ach so geheimen Tricks zum Tunen und Beschleunigen von XP. Hier mal nur eine Auswahl aus den im Juli 2005 aktuellen Titeln: „XP Hacker Tricks“ (PC-Magazin), „XP-Tricks, die sie garantiert noch nicht kennen“ (Chip), „XP-Cheats“ (PC Praxis) und zu guter Letzt auch „Windows ungebremst“ (PC-Welt). Dazu passend gibt es auch eine Unzahl an freien und kommerziellen Tools, die versprechen, mit ein paar Mausklicks XP schneller, besser, schöner, stabiler und überhaupt zu machen.

Was ist aber wirklich dran an all den Tipps? Warum werden sie immer noch als scheinbares Geheim- oder Profiwissen angepriesen, obwohl sie in nahezu unveränderter Form bereits seit den ersten Betas von XP im Netz und diversen Zeitschriften kursieren? Kann man durch ihre Anwendung tatsächlich zu einem stabileren und schnelleren Windows kommen?

Leider lautet die pauschale Antwort darauf: Nein. Entweder ist der „geheime Tweak“ schlicht wirkungslos oder man bezahlt die marginal bessere Performance mit deutlich verminderter Stabilität, also mit einem Windows, das schneller abstürzt. So gesehen ist das natürlich eine Geschwindigkeitsverbesserung….

Natürlich gibt es ein paar Schrauben, bei denen das Drehen daran tatsächlich positive Effekte ohne gravierende Nebenwirkungen zeigt. Ob es sich aber wirklich lohnt, diese Tweaks einzusetzen, ist in den meisten Fällen eher fraglich. Denn die Verbesserungen mögen (manchmal) messbar sein, spürbar sind sie so gut wie nie.

Jetzt kann ich natürlich viel behaupten, ohne konkrete Messungen bin ich dann allerdings nicht besser als die PC-Zeitschriften und Tuning-Programm Hersteller. Deswegen habe ich mir ein dediziertes Test-System aufgebaut, an dem ich die gängigsten der Tipps mal durchprobiert habe. Alle Tests, bei denen ich Zeitangaben liefere, wurden mit diesem Rechner durchgeführt: Dell Optiplex GX280, Pentium IV, 2,8 GHz, Hyperthreading aktiviert, Intel i915 Chipsatz, 1 GB RAM (2*512 MB DDR2 SDRAM), 80 GB HD (S-ATA, WDC WD 800JD, 8 MB Cache), ATI Radeon X300 128 MB PCI-Express, Sound und Netzwerk onboard.

An Software ist installiert: Windows XP Professional mit SP2 und Patches Stand 11.07.2005, Office XP, Acrobat Reader 7.0.2, AVG 7.0, Irfan View., J2SE runtime 5.0 Update 4, Firefox 1.0.4, .NET Framework 1.1 SP1, 7-Zip 4.20

Der Rechner ist Mitglied einer Windows 2000 Domäne und wurde vier Wochen lang intensiv zum Testen von Software und die normale Tagesarbeit benutzt. Es wurden ~60 Programme installiert und wieder deinstalliert. Vor Beginn der Tests wurde per DriveSnapshot ein Image angefertigt, das nach Abschluss der einzelnen Tests wieder zurück gespielt wurde, um einen definierten Zustand zu erhalten. Die Zeit für die einzelnen Aufgaben wurde nicht mit synthetischen Benchmarks gemessen, sondern ganz altmodisch mit der Stoppuhr.

Die getesteten Tipps teile ich relativ willkürlich in folgende Kategorien ein:

1. XP schneller booten
2. RAM Tuning
3. Dateizugriffe beschleunigen
4. sonstige Tweaks
5. Tuning Tools

Los geht es mit:

Teil 1: XP schneller booten.

Durch Anwendung dieser Tipps soll ein XP System schneller booten können. Sehen wir mal, was wirklich dran ist.

1. Bootlogo abschalten.
Mit dem Eintrag /noguiboot in der Boot.ini kann die Anzeige des Bootlogos von XP unterdrückt werden. Das soll einige Sekunden beim Startvorgang einsparen. Der Test bestätigt das allerdings nicht. Gemessen wurde die Zeit vom Einschalten bis zum Erscheinen des Loginbildschirms für je drei Boo tvorgänge

Dauer des Bootens ohne /noguiboot: 30 Sekunden
Dauer des Bootens mit /noguiboot: 30 Sekunden.
Das verwundert auch nicht wirklich, wenn man sich vor Augen führt, dass der Bootvorgang nicht sequentiell abläuft, also eben nicht das Logo für x Sekunden eingeblendet wird, bevor der Bootprozess fortgesetzt wird, sondern dass beides parallel abläuft. Das Laden des Bootbildschirms spielt sich offensichtlich in kaum mess-/merkbarer Zeit ab.

2. Suche nach Freigaben und Druckern abschalten.
Über „Explorer–>Extras–>Ordneroptionen–>Ansicht–>Automatisch nach Netzwerkordnern und Druckern suchen“ soll man die automatische Suche nach Freigaben während des Bootens abschalten. Egal, ob diese Option aktiviert oder deaktiviert ist, das Booten dauerte beim Test so oder so 30 Sekunden.

3. Regelmäßiges Löschen des Inhalts von \%windir%\prefetch.
Windows XP kennt einen Mechanismus namens Prefetching zur Verbesserung der Performance. Eine detaillierte Beschreibung davon findet sich in einem Whitepaper von MS: Fast System Startup for PCs Running Windows XP. Eine Übersetzung der wichtigsten Punkte hat Helmut Rohrbeck erstellt: Helmut Rohrbeck Hompage

Es macht allerdings keinerlei Sinn, den Inhalt des \Prefetch Verzeichnisses von Zeit zu Zeit zu löschen, weil XP die Inhalte von sich aus reorganisiert und überflüssige Einträge entfernt. Im Gegenteil, der Bootvorgang dauert deutlich länger, nachdem manuell gelöscht wurde.

Dauer des Bootens normal: 30 Sekunden
Dauer des Bootens nach Löschen von \%windir%\prefetch: 40 Sekunden

Das verringert sich natürlich wieder, sobald XP einmal seine Leerlaufttasks durchgeführt hat, Sinn macht diese Maßnahme aber trotzdem nicht.

4. Boot Time Defragmentierung einschalten
Das ist per Default bei XP SP2 aktiviert. Trotzdem geistert der Tipp immer noch durch die Fachzeitschriften und Webseiten. Überprüfen kann man das per Regedit. Im Schlüssel HKEY_LOCAL_MACHINE\SOFTWARE\Microsoft\Dfrg\BootOptimizeFunction muß „Enable Y“ eingetragen sein.

5. Bootvis verwenden
Davon kann ich nur abraten. Bootvis kann selbst bei korrekter Verwendung ein System unbrauchbar machen. Microsoft hat nicht ohne Grund den Download dieses Programms wieder von den öffentlichen Servern entfernt. Sofern die normalen Mechanismen wie Prefetching und Boot Time Defragmentierung nicht von Anwender deaktiviert wurden, bringt Bootvis auch keinerlei Beschleunigung.

6. Der Netzwerkkarte eine feste IP zuteilen
Das ist ein Tipp, der bei nicht vernetzten Systemen tatsächlich sinnvoll ist. XP versucht sonst, einen TCP/IP Adresse von einem DHCP Server zu beziehen und verzögert den Bootvorgang bis zum entsprechende Timeout, um sich dann selber per APIPA eine Adresse zuzuteilen. Bei Rechnern in einem Netzwerk mit einem DHCP Server, wie er z.B. von einem DSL Router bereitgestellt wird, bringt das allerdings keine Verbesserung.

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