Lachen oder weinen?

Als Sysadmin ist man ja so einiges gewohnt. Gestern jedoch erreichte mich per Briefpost ein Schreiben, bei dem ich immer noch nicht genau weiss, ob ich nun darüber lachen oder weinen soll.

Da schreibt ein Herr A. aus E.: „Sicherheitslücke bei online Banking durch Pishing fast 100% zu schließen ist möglich!“ Da denkt man als Admin in einem Finanzinstitut doch sofort:  „Hey, gut zu wissen. Was?  Wie bitte? “ und liest, weil man seinen Augen nicht traut, den sBetreff doch gleich noch einmal, um hinter den Sinn zu kommen. Es wird auch beim zweiten Lesen nicht klarer, also probiere ich es doch mal mit dem Rest des Textes, der sich über immerhin zwei Seiten erstreckt.

Das nachstehende ist eine wörtliche Abschrift des ersten Absatzes, inklusive der originalen  Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn durch Pishing E-Mails und Nachbau einer Seite die der Ihren zum Verwechseln ähnlich sieht beispielsweise Adressdaten vom Kunden eingegeben werden sollen zur Bestätigung das die Daten noch korrekt sind und diese Beispielsweise mit einer Tan Nummer 86 bestätig werden sollen, und ihr Kunde dies gutgläubig macht, so hat der Pishing Betrüger dann eine Tannummer die er verwenden kann. (Es sei denn das der Kunde auf seinem Tan Block die Nummern durchstreicht die er schon verwendet hat oder online nachsieht welche Tan Nummern bereits verwendet wurden und merkt das da was nicht stimmen kann weil die Nummer zufälligerweise bereits verwendet wurde.)“

Alles verstanden?  Nein? Macht nichts. Geht mir nicht anders. Der Rest des Schreibens, in dem das Szenario weiter ausgeführt und eine „Lösung“ geschildert wird, übertrifft den ersten Absatz an Zusammenhanglosigkeit und nicht vorhandener Zeichensetzung noch einmal deutlich. Obwohl ich den Text jetzt schon mehrfach gelesen habe, ist mir immer noch nicht klar, wo der Verfasser eigentlich ein Problem sieht und wie er es lösen will. Es ist mir persönlich auch schlicht zu anstrengend und offensichtlich auch pure Zeitverschwendung, aus diesem wirren Wust etwas eventuell Sinnvolles herauszudestillieren.

Die Krönung liefert der Autor allerdings im letzten Absatz:

„Ich denke diese Informationen sind von sehr hohem Wert für Ihr Unternehmen und eine angemessene Ausgleichszahlung für diese Information die Ihrem Unternehmen erheblichen Schaden ersparen wird bitte ich zu entrichten an:…“

Wäre ich jetzt ein extrem böswilliger Mensch, dann würde ich diesen Absatz als eine Formulierung interpretieren, wie sie schöner auch nicht vom Paten hätte benutzt werden können.  Da ich aber kein solcher Mensch bin, muss wohl angenommen werden, dass der Verfasser eher in die Kategorie der Perpetuum Mobile Erfinder eingeordnet werden kann.

Besonders amüsiert hat mich, dass dieses Schreiben wohl  nach dem Schrotschußprinzip unterschiedslos an diverse Banken verschickt wurde. Mein Arbeitgeber beispielsweise betreibt weder eine Webseite noch wird Onlinebanking per Pin/Tan Verfahren für unsere Kunden angeboten. Wie viel Geld hat der Autor wohl in diese Mailingaktion investiert? Und erwartet er ernsthaft Geldeingänge?

TuneUp: Wundermittel oder Placebo?

Im Rahmen von Performancetests stößt man immer wieder auf das Tool TuneUp, das von vielen als wahres Wundermittel gepriesen wird. Ein damit „behandeltes“ System soll deutlich schneller und stabiler sein und auch länger bleiben. Der Hersteller selber schreibt auf der Produktseite: „Mit TuneUp Utilities 2006 machen sie ihr Windows in wenigen Minuten schneller, komfortabler und sicherer“. Was ist dran an diesen Behauptungen?

Um das zu testen, muss das aus dem Test der Performancebremsen her bekannte System wieder einmal dran glauben, auf dem sich die aktuelle TuneUp 2006 Testversion beweisen darf.

Die Installation verläuft unauffällig, ein anschließender Reboot dauert nicht länger als normal. Ein zusätzlicher Dienst namens „TuneUp WinStyler Theme Service“ wurde installiert, der aber per Default nicht gestartet wird.

Was bietet das Programm?

Viele Funktionen, mit denen sich das Aussehen oder Verhalten von XP beeinflussen lässt, die aber nicht relevant für diesen Test sind. Vieles davon lässt sich übrigens mit dem kostenlosen TweakUi von Microsoft ebenso gut, wenn auch nicht so schön bunt, erledigen. Interessant sind folgende Funktionen: DiskCleaner, RegistryCleaner, MemOptimizer, Registry Defrag und der System Optimizer. Das meiste davon ist in die neue Funktion der „1-Klick-Wartung“ integriert, womit sich das System angeblich mit nbur einem Klick auf optimale Performance und Stabilität trimmen lässt. Das macht neugierig, also wird es gleich einmal ausprobiert.

Die 1-Klick Wartung

Dabei werden folgende Funktionen aufgerufen:

  1. Registrierungsprüfung, wobei nach ungültigen Verweisen in der Registry gesucht wird
  2. Anwendungsprüfung, die nach fehlenden Dateien sucht, die von Anwendungen benötigt werden
  3. Prüfung der Registry auf Integrität und strukturelle Fehler und schließlich
  4. Suche nach temporären Dateien, die dann auch gleich zur Löschung angeboten werden.

Das Ergebnis verblüfft, wenn man bedenkt, dass es sich um ein frisch installiertes System handelt, bei dem als einzige Zusatzsoftware eine vollständige Installation von Office XP vorhanden ist. Die „1-Klick-Wartung“ findet nämlich 48 angebliche Probleme in der Registry, 141 bei der Anwendungsprüfung und 11 MB an temporären Dateien. Da werden fehlenden CLSIDs und Symbole bemängelt, Typbibliotheken und InProc Server vermisst oder leere Unterschlüssel zum Löschen empfohlen. Immerhin ist die Registry integer und weist keine strukturellen Fehler auf, was dann doch wieder beruhigt.

Problembehebung?

Die „Problembehebung“ besteht darin, die gefundenen Schlüssel zu löschen. Sinn macht das zwar keinen, aber vielleicht freut man sich über das gute Gefühl, wieder ein „sauberes“ System zu besitzen. Das gute Gefühl verliert sich aber recht schnell, wenn man sich bewusst macht, dass man keine Vorteile durch das Löschen der Schlüssel hat, aber dafür später Nachteile, die man mit dieser Aktion nicht mehr ursächlich in Zusammenhang bringt. Immer dann, wenn man mit Fehlermeldungen konfrontiert wird, die dadurch einstehen, dass Programme die von ihnen angelegten Registrykeys und Verweise nicht mehr finden, was zu den merkwürdigsten Problemen führen kann. Auch die Programmierer von TuneUp wissen nicht mit Sicherheit, welche Programme und Funktionen welche Registryeinträge benötigen.

Registrycleaning: Sinnvoll oder gefährlich?

Dass es fatale Folgen haben kann , einfach Keys zu löschen, die scheinbar keine Funktion haben, kann der Entwickler des EasyCleaners bestätigen, dessen Programm zuverlässig die Hilfefunktion von XP unbrauchbar machte. Er hat daraus gelernt, wie die Einführung einer Blacklist Funktion zeigt, welche die von dem Programm zu ignorierenden, scheinbar ungültigen Keys enthält, deren Löschung jedoch unweigerlich dazu führt, dass diverse Programme nicht mehr funktionieren.

Ob man den Programmieren von TuneUp soweit vertrauen will, sollte man sich also besser gut überlegen. Und dabei auch in Betracht ziehen, dass es keinerlei Vorteile mit sich bringt, die Registry in dieser Form aufzuräumen. Eine „schlanke“ Registry bedeutet keinesfalls eine Geschwindigkeitsgewinn oder erhöhte Stabilität. Das ist ein Irrglaube, der aus der überholten Auffassung resultiert, dass die Registry wie die früher verwendeten .ini Dateien sequentiell abgearbeitet wird. Die Registry ist eine Datenbank. Programme fragen ihre Keys/Einstellungen daraus dann ab, wenn sie sie brauchen und an den stellen, wo sie sie eingetragen haben. Verwaiste Einträge, die z. B. bei deiner Deinstallation nicht gelöscht wurden, werden nicht abgefragt und haben mithin auch keine Einfluss. Auch ist es nahezu irrelevant, wie groß die Registrydateien sind, da sie nicht am Stück im Arbeitsspeicher vorliegen, sondern je nach Bedarf geladen werden.

Man mag einwenden, dass TuneUp eine Undo Funktion bietet, mit der all diese Änderungen wieder Rückgängig gemacht werden können. Das hilft aber auch nur dann, wenn man die Probleme ursächlich und zeitnah mit der Bereinigung in Zusammenhang bringt, was eher die Ausnahme sein dürfte. Kaum jemand wird bei einer nicht mehr funktionierenden Hilfe an die vor 2 Monaten durchgeführte Registrybereinigung denken.

Amüsant finde ich übrigens, dass nach der „erfolgreichen“ Anwendung der Wartungsfunktion ein erneuter Aufruf gleich wieder 5 fehlende Dateien in der Anwendungsprüfung bemängelt. Muss ich eigentlich noch erwähnen, dass der Rechner nach dem ausführen der Wartung nicht schneller bootet?

Was gibt es sonst noch?

Auf die Funktion des Registrycleaners noch einmal gesondert einzugehen ist jetzt wohl unnötig, er bietet keine Funktionen, die über die 1-Klick-Wartung hinausgehen.

Als nächstes ein Blick auf die Funktion MemOptimizer. Da ist jedes Wort eigentlich eines zu viel, denn dazu verweise ich einfach auf die Tuning Mythen, Punkt 11. Kurz: Eine völlig sinnlose und überflüssige Funktion.

Registry Defrag: Kann nichts, was über die Funktionen des kostenlos erhältlichen ERUNT und NTRegOpt hinausgeht. Im Hinblick auf die Performance irrelevant, denn die Verwaltung der Zugriffe auf die Registry hat sich seit NT4 deutlich geändert und die Anwendung zeigte auch keine messbaren Vorteile.

Beim System Optimizer erhält man dann so sinnvolle Hinweise wie den Folgenden: „Die bei ihnen eingestellte Auflösung beträgt derzeit 1280 * 1024. Eine geringere Auflösung kann den Bildaufbau beschleunigen und die Systemleistung verbessern“. Und meine Augen ruinieren, denn mein 17“ TFT Monitor wird mir das Drehen an der Auflösung mit einem herrlich matschigen und verwaschenen Bild danken. Der Rest der Optimierungsvorschläge bewegt sich etwa auf dem gleichen Niveau; es werden Einstellungen wie „Kernelauslagerung deaktivieren“ oder „QoS Service anpassen“ vorgeschlagen, die sich bereits in den Tuningmythen als sinnlos bis kontraproduktiv herausgestellt haben.

Fazit

Wer TuneUp erwirbt, um damit sein System zu optimieren/beschleunigen, wirft sein Geld zum Fenster hinaus. Die sonstigen Funktionen zur Anpassung der Benutzeroberfläche mögen brauchbar sein, das ist jedoch nicht Gegenstand dieses Tests. Sicherheitsrelevante Funktionen konnte ich übrigens keine entdecken es sei denn, man rechnet den „Shredder“ dazu, der Daten ähnlich dem Heidi Eraser sicher löschen kann.

Tuning- und Tweaking-Mythen Teil III: Festplatten Tuning

Teil 3: Festplatten Tuning

12. Festplattenzugriff beschleunigen durch „Laufwerk für schnelle Dateisuche indizieren“
Zu diesem Tipp kursieren zwei verschiedene Aussagen im Netz. Entweder sollen Dateizugriffe dadurch schneller werden oder man soll es deaktivieren, um zu einem schnelleren System zu kommen. Was davon ist richtig? Keine von beiden. Windows 2000 und XP bringen einen Indexdienst mit, der eine schnellere Dateisuche erlaubt. Voraussetzung dafür ist, dass von den Daten ein Index erstellt werden kann. Und genau dafür ist die obige Funktion da. Ist selbiges aktiviert, wird der gesamte Datenträger in die Indizierung mit eingeschlossen. Die Erstellung des Index kostet allerdings Zeit und Plattenplatz. Deswegen wird dieser Prozess per Default nur in Leerlaufphasen des Rechners gestartet.

Korrekt wäre also folgende Aussage: Diese Einstellung kann Sinn machen, wenn man Wert auf eine schnellere Dateisuche legt und den dafür aufgewendeten Plattenplatz in Kauf nimmt und sich außerdem nicht an dem Geratter der Festplatte bei Nichtbenutzung des Rechners stört. Mir sind jedenfalls alternative Suchtools wie Agent Ransack lieber.

13. Festplatten Transferleistungs-Indikator abstellen
Durch die Eingabe von „diskperf -n“ auf der Kommandozeile wird die Sammlung von Perfomancedaten für die Festplatten deaktiviert. Diese Daten lassen sich mit dem wenige bekannten Bordwerkzeug Perfmon auswerten und geben im Problemfall Auskunft über Auslastung und Engpässe in einem System.Deaktiviert man nun diesen Counter, stehen für die Festplatten logischerweise keine Daten mehr zur Verfügung. Ohne dafür mehr Geschwindigkeit zu gewinnen. Die Stoppuhr war hier nutzlos, deswegen benutze ich für den Test das Tool Hd Tach in der Version 3.0.1.0. Egal, welche Tests ich durchführte, die Werte unterschieden sich nicht einmal in den Nachkommastellen.

14. NTFS Zeitstempel abstellen
Mit dem Key „HKLM\SYSTEM\CurrentControlSet\Control\FileSystem\NtfsDisableLastAccessUpdate lässt sich beeinflussen, ob der letzte Zugriff auf ein Verzeichnis aufgezeichnet wird oder nicht. Es kann Sinn machen, dies zu deaktivieren, wenn man auf NTFS Datenträgern sehr viele Verzeichnisse hat. MS spricht in der Dokumentation von 70.000 und aufwärts. Im Normalfall bringt der Key allerdings nichts, außer das man nicht mehr erfährt, wann das letzte Mal auf ein Verzeichnis zugegriffen wurde.

15. Kurze Dateinamen deaktivieren
Beim Speichern von Dateien auf NTFS formatierten Datenträgern wird automatisch auch noch ein zu den alten 8.3 Dateinamenskonventionen kompatibler Name gespeichert. Per HKLM\SYSTEM\CurrentControlSet\Control\FileSystem\NtfsDisable8dot3NameCreation kann man das abschalten. Messbare Vorteile konnte ich nicht feststellen, allerdings beschwert sich manch ältere Software über fehlende 8.3 Dateinamen. Da die Performance sich nicht messbar verbessert, sehe ich keinen Sinn darin, diesen Key zu setzen.

16. MFT-Reservierung vergrössern
Die Master File Table (MFT) ist das NTFS Äquivalent zur FAT bei älteren Dateisystemen. Sie enthält Informationen zu allen Dateien auf einem NTFS Datenträger, wo sie liegen, welche Attribute sie haben, Zeitstempel und vieles andere mehr. Damit die MFT nicht fragmentiert, was Performanceverluste zur Folge haben kann, reserviert das Dateisystem standardmäßig 12,5% eines Volumes für die MFT. In ausnahmenfällen, wenn sehr viele Dateien auf dem Datenträger gespeichert werden sollen, kann es sinnvoll sein, diesen Wert auf 25% oder 37,5% zu erhöhen. Dafür muss per Regedit der Key HKLM\SYSTEM \CurrentControlSet \Control \FileSystem\NtfsMftZoneReservation auf einen Wert von 2 oder 3 gesetzt werden. Eine unmittelbare Performanceverbesserung ergibt sich daraus nicht, die Einstellung kann aber in manchen Fällen Performanceverlusten vorbeugen. Ich empfehle jedoch nicht, sie generell mal eben so präventiv zu setzen, da der Default für die allermeisten Benutzer mehr als auseichend dimensioniert ist.

Amüsanterweise empfiehlt MS selber die letzten drei Einstellungen zur Performanceverbesserung auf NTFS Dateisystemen.Examining and Tuning Disk Performance. Trotzdem sollte man jetzt nicht unbedingt nach dem Motto: „Wenn es schon nicht hilft, schadet es wenigstens nichts“ die Einstellungen machen, denn wirklich spürbare Performancegewinne sind auf einem Arbeitsplatz-PC davon nicht zu erwarten

Tuning- und Tweaking-Mythen Teil II: RAM Tuning

Im zweiten Teil geht es um das RAM Tuning, welches ja auch oft wahre Wunderdinge verspricht. Mehr freier Speicher für Anwendungen, schnellere Zugriffe, weniger Abstürze.

7. Kernel Auslagerung abschalten.
Der Eintrag in HKLM\SYSTEM\CurrentControlSet\Control\Session Manager\Memory Management–>DisablePagingExecutive soll verhindern, dass Kernel Dateien auf die Platte ausgelagert werden und stattdessen ständig im RAM gehalten werden. Dummerweise handelt es sich bei dem Eintrag aber um einen Legacy Key, der seit NT4 SP3 nur noch aus Kompatibilitätsgründen in der Registry zu finden ist und der ansonsten genau gar keine Wirkung hat, wovon man sich mit einem Blick in den Taskmanger–>Systemleistung–>Kernel Speicher selber überzeugen kann. Egal, ob der Wert gesetzt ist oder nicht, es wird auf jeden Fall ausgelagert. Unter W2K ohne SP4 konnte es bei gesetztem Key sogar zum Abstürzen kommen, falls ein Treiber nicht sauber programmiert war. The DisablePagingExecutive Setting May Cause Windows 2000 to Hang)

8. Nicht benötigte DLL Dateien aus Speicher entfernen.
HKLM\SOFTWARE\Microsoft\ Windows\CurrentVersion\Explorer –> AlwaysUnloadDLL soll bewirken, dass beim Beenden eines Programms nicht mehr benötigte Dateien aus dem Speicher entfernt werden. Tut er bestimmt auch, jedenfalls wie Windows NT. Bei Windows 2000 und XP ist der Key wirklungslos, wie auch in einem Technet Artikel nachzulesen ist: Debugging with the Shell. Der wichtigste Satz daraus lautet: „For operating systems prior to Windows 2000, you can shorten the inactive period by adding the following information to the registry”. Ein schneller Test bestätigt auch, dass nach dem Setzen des Key auf keinen Fall mehr Speicher nach dem beenden eines Programms zur Verfügung steht als vorher.

9. System Cache beeinflussen.
Zwei Veränderungen im Schlüssel HKLM\SYSTEM\CurrentControlSet\Control\Session Manager\Memory Management, nämlich „LargeSystemCache“ und „IOPageLockLimit“ beeinflussen das Caching Verhalten von XP. Tun sie auch und kann sogar sinnvoll sein. Zumindest dann, wenn man einen Fileserver betreibt. Die Empfehlung, bei einer Workstation LargeSystemCache auf 2 und Size auf 3 zu setzen, führt zusammen mit der Veränderung des IOPageLockLimit dazu, dass das System mehr Speicher für Dateisystemoperationen reserviert. Dieser Speicher fehlt dann aber den Anwendungen. Ergebnis: Es wird mehr ausgelagert, das System wird langsamer.

Details dazu finden sich z.B. in der Dokumentation zum W2K Ressource Kit Registry Reference LargeSystemCache“ Zitat: „Increasing the size of the file system cache generally improves server performance, but it reduces the physical memory space available to applications and services. Similarly, writing system data less frequently minimizes use of the disk subsystem, but the changed pages occupy memory that might otherwise be used by applications.”

10. System Page Table Entries erhöhen
Im bereits genannten Registry Key findet sich auch ein Eintrag namens SystemPages. Manche Quellen empfehlen, dort den Wert 0xFFFFFFFF einzutragen, was Windows anweist, das Maximum an PTEs innerhalb des verfügbaren Arbeitsspeichers anzulegen. Dadurch sollen bei großen Datei- und Speicheroperationen Abstürze vermieden werden. Davon mal abgesehen, dass ich bei XP noch nie abstürze bei solchen Vorgängen hatte, obwohl ich den Key nicht verändert habe, verweise ich wieder auf die MS Dokumentation: Registry Reference System Pages. Zitat: “Caution. Do not change the value of this entry. Changing it prevents the system from calculating an optimal value for your system and adjusting the value when your system changes”. Es ist also bestenfalls nutzlos, diesen Wert zu verändern.

11. Speicher aufräumen und defragmentieren.
Das ist einer meiner absoluten Lieblingstipps. Es klingt ja auch logisch und nachvollziehbar. Viel freies RAM ist gut und wenn es am Stück vorliegt, ist es noch besser. Schließlich will man ja sein Bier auch lieber aus dem Maßkrug anstatt aus 50 verteilten Schnapsgläsern genießen. Und so, wie man Festplatten defragmentiert, geht das bestimmt auch mir dem RAM. Dafür bastelt man sich eine VBS Datei mit einer einzigen Zeile „Mystring = (160000000)“. Um Speicher frei zu räumen, legt man sich ebenfalls eine VBS Datei mit der Zeile „FreeMem = Space(32000000)“ an.

Was passiert nun bei Ausführung dieser beiden Dateien? Nichts. Weder wird mir im Taskmanager mehr RAM freies RAM angezeigt noch wird irgendetwas schneller. Wie denn auch? Das erste Visual Basic Script versucht, im RAM eine Variable von 160 MB Größe anzulegen, die dann sofort wieder beim Beenden des Programms gelöscht wird. Das zweite füllt eine Variable namens FreeMem mit einem String von 32 MB Grösse, die ebenfalls sofort wieder gelöscht wird. Was ist die Absicht dahinter? Sehr grob vereinfacht dies: Es wird möglichst viel Speicher belegt. Der Speichermanager teilt diesen auch zu. Zu Lasten anderer Programme, deren bisher genutzte Speicherseiten jetzt aus dem RAM in den Cache oder im Extremfall sogar in die Auslagerungsdatei verschoben werden. Will man also jetzt mit diesen Programmen weiterarbeiten, werden sie langsamer sein als vorher, weil erst die Daten vom Swap- in den Arbeitsspeicher geladen werden müssen. Dazu kommt, das diese „Aufräumaktionen“ völlig überflüssig sind, da der Speichermanager von Windows die Verwaltung weitaus effektiver vornimmt. Mark Russinovich, der Betreiber von Sysinternals und Autor im Windows 2000 Magazin hat in selbigem einen Artikel unter der Überschrift Schlangenöl für den Speicher veröffentlicht, den ich jedem nur empfehlen kann.

Tuning- und Tweaking-Mythen

Alle paar Monate wieder sind sie da, die bunten Zeitschriftencover mit den nicht zu übersehenden ach so geheimen Tricks zum Tunen und Beschleunigen von XP. Hier mal nur eine Auswahl aus den im Juli 2005 aktuellen Titeln: „XP Hacker Tricks“ (PC-Magazin), „XP-Tricks, die sie garantiert noch nicht kennen“ (Chip), „XP-Cheats“ (PC Praxis) und zu guter Letzt auch „Windows ungebremst“ (PC-Welt). Dazu passend gibt es auch eine Unzahl an freien und kommerziellen Tools, die versprechen, mit ein paar Mausklicks XP schneller, besser, schöner, stabiler und überhaupt zu machen.

Was ist aber wirklich dran an all den Tipps? Warum werden sie immer noch als scheinbares Geheim- oder Profiwissen angepriesen, obwohl sie in nahezu unveränderter Form bereits seit den ersten Betas von XP im Netz und diversen Zeitschriften kursieren? Kann man durch ihre Anwendung tatsächlich zu einem stabileren und schnelleren Windows kommen?

Leider lautet die pauschale Antwort darauf: Nein. Entweder ist der „geheime Tweak“ schlicht wirkungslos oder man bezahlt die marginal bessere Performance mit deutlich verminderter Stabilität, also mit einem Windows, das schneller abstürzt. So gesehen ist das natürlich eine Geschwindigkeitsverbesserung….

Natürlich gibt es ein paar Schrauben, bei denen das Drehen daran tatsächlich positive Effekte ohne gravierende Nebenwirkungen zeigt. Ob es sich aber wirklich lohnt, diese Tweaks einzusetzen, ist in den meisten Fällen eher fraglich. Denn die Verbesserungen mögen (manchmal) messbar sein, spürbar sind sie so gut wie nie.

Jetzt kann ich natürlich viel behaupten, ohne konkrete Messungen bin ich dann allerdings nicht besser als die PC-Zeitschriften und Tuning-Programm Hersteller. Deswegen habe ich mir ein dediziertes Test-System aufgebaut, an dem ich die gängigsten der Tipps mal durchprobiert habe. Alle Tests, bei denen ich Zeitangaben liefere, wurden mit diesem Rechner durchgeführt: Dell Optiplex GX280, Pentium IV, 2,8 GHz, Hyperthreading aktiviert, Intel i915 Chipsatz, 1 GB RAM (2*512 MB DDR2 SDRAM), 80 GB HD (S-ATA, WDC WD 800JD, 8 MB Cache), ATI Radeon X300 128 MB PCI-Express, Sound und Netzwerk onboard.

An Software ist installiert: Windows XP Professional mit SP2 und Patches Stand 11.07.2005, Office XP, Acrobat Reader 7.0.2, AVG 7.0, Irfan View., J2SE runtime 5.0 Update 4, Firefox 1.0.4, .NET Framework 1.1 SP1, 7-Zip 4.20

Der Rechner ist Mitglied einer Windows 2000 Domäne und wurde vier Wochen lang intensiv zum Testen von Software und die normale Tagesarbeit benutzt. Es wurden ~60 Programme installiert und wieder deinstalliert. Vor Beginn der Tests wurde per DriveSnapshot ein Image angefertigt, das nach Abschluss der einzelnen Tests wieder zurück gespielt wurde, um einen definierten Zustand zu erhalten. Die Zeit für die einzelnen Aufgaben wurde nicht mit synthetischen Benchmarks gemessen, sondern ganz altmodisch mit der Stoppuhr.

Die getesteten Tipps teile ich relativ willkürlich in folgende Kategorien ein:

1. XP schneller booten
2. RAM Tuning
3. Dateizugriffe beschleunigen
4. sonstige Tweaks
5. Tuning Tools

Los geht es mit:

Teil 1: XP schneller booten.

Durch Anwendung dieser Tipps soll ein XP System schneller booten können. Sehen wir mal, was wirklich dran ist.

1. Bootlogo abschalten.
Mit dem Eintrag /noguiboot in der Boot.ini kann die Anzeige des Bootlogos von XP unterdrückt werden. Das soll einige Sekunden beim Startvorgang einsparen. Der Test bestätigt das allerdings nicht. Gemessen wurde die Zeit vom Einschalten bis zum Erscheinen des Loginbildschirms für je drei Boo tvorgänge

Dauer des Bootens ohne /noguiboot: 30 Sekunden
Dauer des Bootens mit /noguiboot: 30 Sekunden.
Das verwundert auch nicht wirklich, wenn man sich vor Augen führt, dass der Bootvorgang nicht sequentiell abläuft, also eben nicht das Logo für x Sekunden eingeblendet wird, bevor der Bootprozess fortgesetzt wird, sondern dass beides parallel abläuft. Das Laden des Bootbildschirms spielt sich offensichtlich in kaum mess-/merkbarer Zeit ab.

2. Suche nach Freigaben und Druckern abschalten.
Über „Explorer–>Extras–>Ordneroptionen–>Ansicht–>Automatisch nach Netzwerkordnern und Druckern suchen“ soll man die automatische Suche nach Freigaben während des Bootens abschalten. Egal, ob diese Option aktiviert oder deaktiviert ist, das Booten dauerte beim Test so oder so 30 Sekunden.

3. Regelmäßiges Löschen des Inhalts von \%windir%\prefetch.
Windows XP kennt einen Mechanismus namens Prefetching zur Verbesserung der Performance. Eine detaillierte Beschreibung davon findet sich in einem Whitepaper von MS: Fast System Startup for PCs Running Windows XP. Eine Übersetzung der wichtigsten Punkte hat Helmut Rohrbeck erstellt: Helmut Rohrbeck Hompage

Es macht allerdings keinerlei Sinn, den Inhalt des \Prefetch Verzeichnisses von Zeit zu Zeit zu löschen, weil XP die Inhalte von sich aus reorganisiert und überflüssige Einträge entfernt. Im Gegenteil, der Bootvorgang dauert deutlich länger, nachdem manuell gelöscht wurde.

Dauer des Bootens normal: 30 Sekunden
Dauer des Bootens nach Löschen von \%windir%\prefetch: 40 Sekunden

Das verringert sich natürlich wieder, sobald XP einmal seine Leerlaufttasks durchgeführt hat, Sinn macht diese Maßnahme aber trotzdem nicht.

4. Boot Time Defragmentierung einschalten
Das ist per Default bei XP SP2 aktiviert. Trotzdem geistert der Tipp immer noch durch die Fachzeitschriften und Webseiten. Überprüfen kann man das per Regedit. Im Schlüssel HKEY_LOCAL_MACHINE\SOFTWARE\Microsoft\Dfrg\BootOptimizeFunction muß „Enable Y“ eingetragen sein.

5. Bootvis verwenden
Davon kann ich nur abraten. Bootvis kann selbst bei korrekter Verwendung ein System unbrauchbar machen. Microsoft hat nicht ohne Grund den Download dieses Programms wieder von den öffentlichen Servern entfernt. Sofern die normalen Mechanismen wie Prefetching und Boot Time Defragmentierung nicht von Anwender deaktiviert wurden, bringt Bootvis auch keinerlei Beschleunigung.

6. Der Netzwerkkarte eine feste IP zuteilen
Das ist ein Tipp, der bei nicht vernetzten Systemen tatsächlich sinnvoll ist. XP versucht sonst, einen TCP/IP Adresse von einem DHCP Server zu beziehen und verzögert den Bootvorgang bis zum entsprechende Timeout, um sich dann selber per APIPA eine Adresse zuzuteilen. Bei Rechnern in einem Netzwerk mit einem DHCP Server, wie er z.B. von einem DSL Router bereitgestellt wird, bringt das allerdings keine Verbesserung.

Tonerverkäufer

Fast jeder, der unter anderem mit dem Einkauf von Computerzubehör zu tun hat, kennt sicherlich die unerbetenen Mailings oder Anrufe von Firmen, die ihre ach so tollen Produkte an den Mann bringen wollen. Das ist prinzipiell auch nichts Schlimmes, solange es nicht überhand nimmt.

Allerdings gibt es unter diesen Firmen auch einige schwarze Schafe, die mit mehr als dubiosen Methoden arbeiten.  Eine bekannte Variante sind die sehr offiziell wirkenden Rechnungen von angeblichen „Internet-Adressverzeichnissen“, denen man doch bitte dringend X.XXX EUR überweisen soll, wenn man weiterhin gelistet bleiben will. Irgendwo im sehr kleingedruckten findet man allerdings den Hinweis, dass es sich dabei ja nur um ein Angebot handelt, welches man erst mit Bezahlung annimmt. Dass man für sein Geld keinen Gegenwert bekommt, ist dann ein anderes Problem.

Dann gibt es Verlage, die ihre Zeitschriften/Nachschlagewerke „unverbindlich zur Ansicht“ zusenden wollen. Kostenfreie Rückgabe innerhalb von 4 Wochen wäre kein Problem. In den allermeisten Fällen ist das ein durchaus seriöses Angebot, dessen Abwicklung auch sauber und angenehm über die Bühne geht.

Aber die Ausnahmen: Lässt man sich drauf ein und schickt das Werk tatsächlich innerhalb der Frist wieder zurück, bekommt man trotzdem plötzlich Mahnungen oder Ergänzungslieferungen. Denn, welch Überraschung, die Rücksendung ist (angeblich) niemals angekommen. Das lässt sich meist mit ausgedehnten Schriftverkehr, Telefonaten und expliziten Drohungen klären, zeitaufwändig und ärgerlich ist es aber auf jeden Fall. Und das habe ich mehr als einmal erlebt.

Ein sehr spezielles Kapitel sind die Telefonverkäufer.Vor etwas 10 Jahren waren in dieser Branche Bildschirmfilter ungeheuer in Mode. Fast täglich rief ein anderer an, der diese Teile wie immer kostenlos und unverbindlich zum Testen zusenden wollte.

Für die Jüngeren unter uns:  Diese Bildschirmfilter bestanden aus polarisiertem Glas, eventuell noch mit einer dünnen Metallbedampfung, die man vor den böse Strahlung aussendenden Monitor befestigen sollte. Der Kontrast sowie die Bildqualität, ja sogar die Auflösung sollte damit deutlich verbessert werden. Und die böse Strahlung wird geblockt! Teilweise sollten die sogar aus einem Monochrom-Monitor einen Farbbildschirm machen. Nein, das ist kein Witz.

Diese Filterverkäufer sind verschwunden. Ersetzt hat sie der im Titel bereits genannte Tonerverkäufer. Dass Toner für Laserdrucker einen großen Kostenfaktor darstellt, dürfte jeder wissen. Dass es in diesem Markt, genau wie bei Tintenstrahldruckertinte, auch alternative Anbieter gibt, die Refill-Kartuschen oder Eigenentwicklungen  zu deutlich günstigeren Preisen  als die Originale der Hersteller anbieten, ist sehr zu begrüßen.

Aber da gibt es eine ganz bestimmte Firma, die mir so richtig sauer aufstößt. Die benutzen eine sehr unangenehme Masche. Ihre Anrufe folgen etwa diesem Schema:

Anrufer: „Guten Tag. Spreche ich mit demjenigen, der bei ihnen für den Einkauf von Computerzubehör zuständig ist? Auch Toner für Drucker?“
Opfer: „Ähhh. Ja.“
C: „Sehr schön. Es geht um folgendes: Letztes Jahr haben wir eine Umfrage zum Thema Drucker gemacht und sie haben sich freundlicherweise daran beteiligt. Die Auswertung ist jetzt abgeschlossen und ich freue mich, ihnen als Dankeschön einen Organizer zuschicken zu dürfen.“
O: „Ahja. So so. Schön.“(Habe ich an einer telefonischen Umfrage teilgenommen? Kann schon sein. Weiß ich doch jetzt nicht mehr.<achselzuck>)
C: „Dafür müssten wir noch einmal die Adressdaten abgleichen. Ach ja, und die Auswertung hat ergeben, dass unsere Hochleistungstoner besonders interessant für sie wären. Welche Drucker setzten sie noch einmal ein?“
O: „Marke Tralala, Typ Trumdieledeldum“
C: „Ja, da  haben wir den Hochleistungstoner, besonders ergiebig, 3mal so viele Seiten wie mit dem Originaltoner möglich, laber und rhabarber. Und eine Kartusche kostet nur XXX EUR. Da würde ich ihnen zusammen mit ihrem Geschenk/Gewinn gerne mal ein Paket zum Testen zusenden. Natürlich unverbindlich und wenn sie nicht zufrieden sind, können sie das einfach wieder zurückschicken.“

Wer hier jetzt „Ja“ sagt, hat verloren. Er bekommt _drei_ Kartuschen in diesem Paket. Angefangene Kartuschen müssen natürlich bezahlt werden und Rücksendungen werden, Surprise, mit fadenscheinigen Begründungen nicht angenommen.

Soweit ist das alles ja nichts besonderes. Schließlich ist jeder selber schuld, wenn er sich auf so etwas einlässt, werden manche sagen. Nicht schön, aber persönliches Pech. Man hätte ja vorher nachfragen können, was da nun genau dran ist. Was ist daran berichtenswert?

Nun, diese Story spielte sich vor etwa 5 Jahren ab. Die Angelegenheit konnte mit vielen Telefonaten und unter Androhung der Einschaltung eines Anwaltes erledigt werden. Was passiert jetzt aber seitdem alle Jahre wieder?  Ein Anruf kommt aus einem Callcenter. Der oben aufgeführte Dialog beginnt. Ich gebe jetzt nur die Gedanken des Angerufen, also meine :-), wieder:

„Hm. Ich habe also an einer telefonischen Umfrage teilgenommen? Kann schon sein. Kenne ich das nicht irgend woher? Ah, ich bekomme als Dankeschön eine Kiste mit südafrikanischem Wein. Schön. Ole ole. Supershow. Toll. Ich trinke zwar nicht, aber kann man ja den Kollegen schenken. Wie? Toner? Ne, oder? Das ist doch jetzt nicht wahr? Probieren die es schon wieder?“

Also lehne ich mal die Zusendung des „kostenlosen“ Tonertestpaketes ab. Was habe ich natürlich auch nie bekommen? Die tolle Kiste Wein. Ach, was war ich traurig.

Ein Jahr vergeht. Auch dieses soll natürlich nicht ohne angebliche Umfrage und Dankeschön vergehen. Allerdings bin ich schon etwas enttäuscht und verlange diesmal mit fester Stimme die Löschung aller Daten gemäß Datenschutzgesetz. Und schriftliche Bestätigung. Die Dame klingt  zwar etwas frustriert, aber das Leben ist halt hart.

Wer jetzt meint, dass sich die Sache erledigt hat, der irrt. Die Bestätigung der Löschung traf nie ein, dafür kam im Folgejahr wieder der Anruf. Nun, probieren wir es halt mal mit kommentarlosem Auflegen.

Es half nichts. Es hilft alles nichts. Jahr für Jahr kommt der selbe Anruf. Jahr für Jahr habe ich an nie stattgefundenen Umfragen zum Thema Drucker teilgenommen, Jahr für Jahr erhalte ich tolle Dankeschöns(nicht) und das Angebot, tollen Toner zu testen. Jahr für Jahr.

Die Masche, über angebliche Umfragen an meinen Namen gekommen zu sein, widert mich dabei besonders an. Jeder, der als IT-Verantwortlicher arbeitet, weiß, an wie vielen telefonischen  Umfragen er jedes Jahr teilnehmen kann. Meist dauern die zwischen 5 und 15 Minuten und bei den Seriösen bekommt man die Ergebnisse dann später auch zugeschickt, hat also durchaus selber einen Nutzen von. Sich mit einer fiktiven, nie stattgefundenn Umfrage da ran zu hängen, um erst einmal einen Fuß in die Tür stellen zu können, empfinde ich im Verbund mit der Penetranz und Lernresitenz dieser Firma als abstoßend.

Warum ich das alles hier ausbreite? Es darf geraten werden… Was passierte vor etwa einer Stunde? Wer rief an und teilte mir was mit? Der Erste, der die richtige Antwort weiß, bekommt ein kostenloses Tonertestpaket…..

Von grossen Klappen und dicken Lippen

Freunde haben es mir ja schon immer gesagt: “Irgendwann fängst du dir eine dicke Lippe, wenn du deine Klappe nicht halten kannst”. Tja, was soll ich sagen: Sie hatten Recht:-) Wie das passiert ist? Ich fuhr heute Morgen wie immer müde mit der U-Bahn zur Arbeit. Eine Station vor meinem Ziel Aufruhr auf dem Bahnsteig, Sicherheitspersonal läuft zusammen, jemand brüllt durch die Gegend. Normale Szenen eines Großstadttages.

Die vollbesetzte Bahn fährt wieder an. Durch den Wagen stricht plötzlich eine relativ abgerissene Gestalt, zwischen 27 und 32 Jahren, 1,75, osteuropäische Herkunft, Alkoholfahne verbreitend und rempelt/pöbelt Fahrgäste an. Besonders gerne weibliche Fahrgäste. An einer der Türen sehe ich eine meiner Arbeitskolleginnen. Er nähert sich ihr, wirft sich an sie ran, will sie befummeln. Sie nimmt Reißaus, dummerweise in meine Richtung. Tja, und da konnte ich einfach nicht mehr sitzen bleiben und habe mich dem Typen in den Weg gestellt. Leider als einziger.

Anfangs blieb es ja bei Worten. OK, er hat mir die Brille von der Nase geschlagen, als ich ihn unter Einsatz meiner nicht unbeträchtlichen Körpermasse zurückdrängte. Macht ja nichts, ein netter Zeitgenosse half mir zwar nicht, aber hob immerhin die Brille auf und gab sie mir wieder. Dann öffneten sich die Türen der Bahn in der Station. In dem Moment hing unser “Freund” wie eine Klette an mir, zog mich hinaus und wir torkelten gegen die Wand auf dem Bahnsteig. Dann fing er an, zuzuschlagen, Das ließ sich ja noch recht gut abwehren, als er allerdings mit Kopfstössen anfing, wurde es doch etwas unangenehm. Faszinierend waren auch die Menschenmassen, die sich eilig an uns vorbeidrängten.

Nachdem ich etwa 5 Mal recht laut und eindringlich rief “Könnte mir eventuell mal jemand helfen”, fanden sich dann doch etwa 6 bis 10 Leute, die stehen blieben und uns trennten. Erstaunlicherweise waren die ersten, die sich trauten, ausnahmslos Frauen. Ich kann also sagen, Frankfurter helfen auch, wenn man zusammengeschlagen wird …irgendwann jedenfalls.

Naja, inzwischen läuft halt Anzeige gegen Unbekannt, weil der unbekannte Schläger sich schnellstens verkrümelte, ich habe eine aufgeplatzte dicke Lippe und ein wenig Kopfweh. Und das Gefühl, trotzdem das Richtige getan zu haben. Und ich weiss jetzt, dass ich nicht alleine bin. Es helfen auch andere. Nicht gleich, nicht sofort, aber wenn man blutet und um Hilfe ruft, geht das schon.

Von Spannern und Maulhelden

Donnerstag, 19. Dezember 2002, 17:30 Uhr. Feierabend. Ich kann Locus Notes einfach nicht mehr sehen. Rechner aus, Mantel, Tasche und raus. Komisch, als ich heute Morgen zur Arbeit kam, war es genauso dunkel. Winter halt. Durch die Hochhausschluchten von Frankfurt ist der Vollmond zu sehen. Groß, klar und so deutlich, dass man ihn vom Himmel pflücken und einstecken will.

Der Weg führt an zwei Hochhäusern vorbei zur U-Bahnstation. Eine Kreuzung. Dichter Feierabendverkehr, gereizte Autofahrer, denen es an der Ampel nicht schnell genug gehen kann. Eine oder zwei Schulklassen kreuzen die Strasse, kommen vom Weihnachtsmarkt oder der Zeil, bestaunen die EZB oder sich gegenseitig. Ich grinse in mich hinein: “Oh, ich war auch mal so pubertär”, gehe weiter.

Bremsen quietschen. Ein dumpfer Schlag. Umdrehen.

Eine Menschenmenge läuft um einen Wagen zusammen. “Weitergehen oder nachsehen? Es sind doch schon so viele da, da kannst du doch nichts machen. Außerdem: Ich hasse Gaffer! Obwohl…”

Dreißig bis vierzig Leute stehen herum. Unter dem Wagen liegt ein Mädchen, vielleicht 17, vielleicht 22. Es ist schwer zu erkennen, denn offensichtlich ist sie beim Aufprall mit dem Gesicht irgendwo aufgeschlagen und die Vorderzähne sind zertrümmert. Sie ist wach, ein anderes Mädchen hält ihre Hand und redet beruhigend auf sie ein. Ein Mann sitzt daneben, Mitte 30, er zittert, ist total verkrampft, der Rotz hängt ihm vor der Nase, er ist ein einziges Muskelbündel: “Wo kam sie plötzlich her, wo kam sie plötzlich her?”

Ich hocke mich neben ihn, nehme ihn in den Arm, brabbele so Dinge wie “Ganz ruhig… psst…..nicht so schlimm….. das wird wieder… locker….. ruhig…”. Ich muss ihn sehr fest halten, um überhaupt zu ihm durchzukommen. Die Menschen gaffen. Ich brülle sie an: “Hat jemand ein Handy? Hat jemand den Notarzt gerufen?” Vierzig Menschen starren. Eine junge Frau tritt vor; sie hat wohl schon von sich aus die Initiative übernommen.

Ein Mann brummelt: ”Kann nicht jemand anders sich um das Opfer kümmern? Das sind meine Schülerinnen, die da bei ihr sind”. Kinder von sechzehn/siebzehn Jahren, die mehr Mut haben als ihr Lehrer, als gestandene Männer, die nur glotzen. Ich könnte kotzen.

Ein Mitglied des Wachschutzes der EZB kommt zu mir, kennt offensichtlich den Fahrer, hilft mir. Gemeinsam führen wir ihn vom Opfer weg, reden weiter beruhigend auf ihn ein Plötzlich springt von den Gaffern einer auf ihn zu, brüllt “Du bist zu schnell gefahren! Das geschieht dir recht!” Der Geifer spritzt dem Krawattenträger von den Lippen. Ich brülle zurück: “Halts Maul, du Trottel. Meinst du nicht, dass er hier gerade andere Probleme hat? Hilf lieber!”

Er tapselt zurück zu den anderen Spannern, brabbelt zu seinen Kumpanen etwas von “Geschieht ihm recht… Frankfurter Krankheit…. alle zu schnell…..”, verdrückt sich in der Menge.

Zusammen mit anderen Mitarbeitern des Wachschutzes schieben wir das Auto nach hinten, damit man sich besser um das Opfer kümmern kann. Der Verkehr staut sich, die Autofahrer sind gereizt, einer bleibt mitten auf der Strasse stehen und macht keinen Zentimeter Platz, steht uns im Weg, schimpft hinter geschlossenen Scheiben. Es ist schließlich Weihnachtszeit, man will nach Hause. Das angefahrene Mädchen liegt währenddessen ganz still, ist vom(hoffentlich nur vom) Schock gelähmt, zwei Passanten haben endlich die Schülerinnen abgelöst. Die Jungs vom Wachschutz decken sie mit ihren Jacken zu, warten auf den Arzt, reden ihr beruhigend zu, drücken ihre Hand.

Die Polizei kommt, die Feuerwehr, der Notarzt. Sie fahren das Mädchen weg, ein weiterer Arzt kümmert sich um den Unglücksfahrer, er wird später auch in die Klinik gebracht. Ich gehe, die Menge löst sich auch langsam auf.

Ja, so etwas passiert täglich hundertfach hier auf den Straßen, das ist sicherlich nichts Besonderes. Es ist morgen nur eine Randnotiz in der Lokalzeitung. Ich weiß nicht einmal, wer schuld war am Unfall. Die Ampel ist sowohl für Linksabbieger als auch für Fußgänger gleichzeitig Grün. Oder sie huschte bei Rot über die Ampel und hat ihn einfach übersehen. Vielleicht war er auch zu schnell. Ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen und es spielt auch nicht wirklich eine Rolle.

Was mich dabei nur so unglaublich anwidert, ankotzt, wovon mir einfach nur noch schlecht wird und wofür ich absolut kein Verständnis habe: Was treibt all diese Riesenarschlöcher, diese Maulhelden und Feiglinge an, bei einem Unfall so herumzustehen und NICHTS ZU TUN AUSSER ZU GLOTZEN? Wenn sie nichts tun wollen, sollen sie sich verpissen. Keiner von ihnen hat geholfen, keiner hat den Wagen weggeschoben, (fast) keiner hat seine Jacke dem Mädchen gegeben, keiner wollte sich zu ihr setzen. Nein. Sie wollten alle nur Spannen und im Weg herumstehen. “Oh wie toll, man sieht echtes Blut, echte Opfer, echte Schmerzen, echtes Leid”. Und der Schlimmste von allen war dieses selbstgerechte Arschloch, der nichts vom Unfallhergang gesehen hat, keinen Finger zur Hilfe gerührt hat, aber den unter einem schweren Schock stehenden Unfallfahrer anschreien musste.

Und von diesen feigen Maulhelden gibt es so viele…