Von Spannern und Maulhelden

Donnerstag, 19. Dezember 2002, 17:30 Uhr. Feierabend. Ich kann Locus Notes einfach nicht mehr sehen. Rechner aus, Mantel, Tasche und raus. Komisch, als ich heute Morgen zur Arbeit kam, war es genauso dunkel. Winter halt. Durch die Hochhausschluchten von Frankfurt ist der Vollmond zu sehen. Groß, klar und so deutlich, dass man ihn vom Himmel pflücken und einstecken will.

Der Weg führt an zwei Hochhäusern vorbei zur U-Bahnstation. Eine Kreuzung. Dichter Feierabendverkehr, gereizte Autofahrer, denen es an der Ampel nicht schnell genug gehen kann. Eine oder zwei Schulklassen kreuzen die Strasse, kommen vom Weihnachtsmarkt oder der Zeil, bestaunen die EZB oder sich gegenseitig. Ich grinse in mich hinein: “Oh, ich war auch mal so pubertär”, gehe weiter.

Bremsen quietschen. Ein dumpfer Schlag. Umdrehen.

Eine Menschenmenge läuft um einen Wagen zusammen. “Weitergehen oder nachsehen? Es sind doch schon so viele da, da kannst du doch nichts machen. Außerdem: Ich hasse Gaffer! Obwohl…”

Dreißig bis vierzig Leute stehen herum. Unter dem Wagen liegt ein Mädchen, vielleicht 17, vielleicht 22. Es ist schwer zu erkennen, denn offensichtlich ist sie beim Aufprall mit dem Gesicht irgendwo aufgeschlagen und die Vorderzähne sind zertrümmert. Sie ist wach, ein anderes Mädchen hält ihre Hand und redet beruhigend auf sie ein. Ein Mann sitzt daneben, Mitte 30, er zittert, ist total verkrampft, der Rotz hängt ihm vor der Nase, er ist ein einziges Muskelbündel: “Wo kam sie plötzlich her, wo kam sie plötzlich her?”

Ich hocke mich neben ihn, nehme ihn in den Arm, brabbele so Dinge wie “Ganz ruhig… psst…..nicht so schlimm….. das wird wieder… locker….. ruhig…”. Ich muss ihn sehr fest halten, um überhaupt zu ihm durchzukommen. Die Menschen gaffen. Ich brülle sie an: “Hat jemand ein Handy? Hat jemand den Notarzt gerufen?” Vierzig Menschen starren. Eine junge Frau tritt vor; sie hat wohl schon von sich aus die Initiative übernommen.

Ein Mann brummelt: ”Kann nicht jemand anders sich um das Opfer kümmern? Das sind meine Schülerinnen, die da bei ihr sind”. Kinder von sechzehn/siebzehn Jahren, die mehr Mut haben als ihr Lehrer, als gestandene Männer, die nur glotzen. Ich könnte kotzen.

Ein Mitglied des Wachschutzes der EZB kommt zu mir, kennt offensichtlich den Fahrer, hilft mir. Gemeinsam führen wir ihn vom Opfer weg, reden weiter beruhigend auf ihn ein Plötzlich springt von den Gaffern einer auf ihn zu, brüllt “Du bist zu schnell gefahren! Das geschieht dir recht!” Der Geifer spritzt dem Krawattenträger von den Lippen. Ich brülle zurück: “Halts Maul, du Trottel. Meinst du nicht, dass er hier gerade andere Probleme hat? Hilf lieber!”

Er tapselt zurück zu den anderen Spannern, brabbelt zu seinen Kumpanen etwas von “Geschieht ihm recht… Frankfurter Krankheit…. alle zu schnell…..”, verdrückt sich in der Menge.

Zusammen mit anderen Mitarbeitern des Wachschutzes schieben wir das Auto nach hinten, damit man sich besser um das Opfer kümmern kann. Der Verkehr staut sich, die Autofahrer sind gereizt, einer bleibt mitten auf der Strasse stehen und macht keinen Zentimeter Platz, steht uns im Weg, schimpft hinter geschlossenen Scheiben. Es ist schließlich Weihnachtszeit, man will nach Hause. Das angefahrene Mädchen liegt währenddessen ganz still, ist vom(hoffentlich nur vom) Schock gelähmt, zwei Passanten haben endlich die Schülerinnen abgelöst. Die Jungs vom Wachschutz decken sie mit ihren Jacken zu, warten auf den Arzt, reden ihr beruhigend zu, drücken ihre Hand.

Die Polizei kommt, die Feuerwehr, der Notarzt. Sie fahren das Mädchen weg, ein weiterer Arzt kümmert sich um den Unglücksfahrer, er wird später auch in die Klinik gebracht. Ich gehe, die Menge löst sich auch langsam auf.

Ja, so etwas passiert täglich hundertfach hier auf den Straßen, das ist sicherlich nichts Besonderes. Es ist morgen nur eine Randnotiz in der Lokalzeitung. Ich weiß nicht einmal, wer schuld war am Unfall. Die Ampel ist sowohl für Linksabbieger als auch für Fußgänger gleichzeitig Grün. Oder sie huschte bei Rot über die Ampel und hat ihn einfach übersehen. Vielleicht war er auch zu schnell. Ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen und es spielt auch nicht wirklich eine Rolle.

Was mich dabei nur so unglaublich anwidert, ankotzt, wovon mir einfach nur noch schlecht wird und wofür ich absolut kein Verständnis habe: Was treibt all diese Riesenarschlöcher, diese Maulhelden und Feiglinge an, bei einem Unfall so herumzustehen und NICHTS ZU TUN AUSSER ZU GLOTZEN? Wenn sie nichts tun wollen, sollen sie sich verpissen. Keiner von ihnen hat geholfen, keiner hat den Wagen weggeschoben, (fast) keiner hat seine Jacke dem Mädchen gegeben, keiner wollte sich zu ihr setzen. Nein. Sie wollten alle nur Spannen und im Weg herumstehen. “Oh wie toll, man sieht echtes Blut, echte Opfer, echte Schmerzen, echtes Leid”. Und der Schlimmste von allen war dieses selbstgerechte Arschloch, der nichts vom Unfallhergang gesehen hat, keinen Finger zur Hilfe gerührt hat, aber den unter einem schweren Schock stehenden Unfallfahrer anschreien musste.

Und von diesen feigen Maulhelden gibt es so viele…