Chip testet Tuningtipps zum schnelleren Booten

Auf der Chip 08/2006 prangt in großen Lettern, leuchtend orange unterlegt: XP starten in 23 SekundenWindows blitzschnell booten, Software auf DVD Das macht ja nun neugierig auf den Artikel, also flugs mal Seite 44 ff aufgeschlagen. Es geht ja gut los, insbesondere dann, wenn man das Ergebnis bereits kennt. „Wie sie ihr Windows schneller hochfahren, als Microsoft erlaubt.“ Ich persönlich wusste bislang nicht einmal, das Microsoft mir verbietet, mein Windows so schnell oder langsam hoch zu fahren, wie ich das will, aber das soll jetzt mal keine Rolle spielen. Im Artikel werden nun einige oft empfohlene Tuningmassnahmen und Tools auf ihre tatsächliche Wirksamkeit hin getestet. Es mag nicht überraschen, dass die Ergebnisse für die Tuningfraktion größtenteils enttäuschend ausfallen, denn die Sinnlosigkeit der meisten Tipps habe ich ja schon vor einiger Zeit in den Tuning Mythen Teil 1 besprochen. Aber es ist schön zu sehen, dass die Chip meine Ergebnisse bestätigt.Was hat die Chip nun wie getestet?

Es wurden 16 Messungen unter Zuhilfenahme des Bootvis Tools von MS auf einem P4, 1,6 GHz mit 512 MB RAM unter XP Home SP2 durchgeführt. Leider fehlen jegliche Angaben zur sonstigen auf dem System installierten Software, von der aber so einiges vorhanden sein muss, denn es gibt laut dem Artikel mindestens 18 Autostarteinträge, was bei einem frisch installierten XP sicherlich nicht der Fall wäre. Ursprüngliche Bootzeit betrug 142,3 Sekunden.

Die getesteten Maßnahmen und Tools: Autostart aufräumen, Bootlogo abschalten, Suche nach Freigaben deaktivieren, System fremde Dienste abschalten, Windows Dienste abschalten mit Hilfe des Tools von Dingens.org (basiert auf http://www.ntsvcfg.de), Abschalten der Multimedia Effekte, die 1-Klick Wartung der TuneUp Utilities 2004, Boot Dateien optimal anordnen mit Hilfe von Bootvis, Entfernen von Windows Komponenten wie Outlook Express oder Movie Maker mit XP2tune Utilities.

Amüsant übrigens, dass auch das von vielen so gepriesene TuneUp 2004 getestet wurde und gnadenlos versagt hat. Nach der 1-Klick Wartung verlängerte sich im Test sogar die Zeit, die das System zum Booten brauchte. Alles das brachte übrigens maximal 11 Sekunden Einsparung. Angesichts des Aufwands ist das Ergebnis wohl wirklich enttäuschend zu nennen .

Zum Abschluß kommt noch die ultimative Tunigmaßnahme, die tatsächlich einen spür- und messbaren Zeitgewinn beim Booten brachte: XP komplett neu installieren. Aber auch nur XP, kein einziges Anwendungsprogramm. Dieses reine XP bootet gegenüber dem ursprünglichen Wert tatsächlich 99,56 Sekunden schneller. Benutzen kann man es dann mangels Anwendungen zwar nicht, aber Hauptsache ist schließlich, dass XP schnell gebootet hat. Das kann man noch steigern, wenn man alle zuvor genannten Tipps anwendet, wodurch sich die Bootzeit noch einmal um ganze 8,67 Sekunden auf insgesamt 22,93 Sekunden verkürzt. Allerdings ist XP danach XP noch unbenutzbarer, denn es ist jetzt ja nun wirklich keine einziges Programm installiert und die Bordmittel wurden auch noch entfernt.

Ich weiß immer noch nicht, ob ich angesichts dieses wahrhaft ultimativen Tuningtipps über die Schlagzeile auf dem Heftumschlag lachen oder weinen soll. Versöhnen kann mich mit dem Artikel, dass nebenbei auch Tipps wie das Löschen des Prefetch Ordners oder Veränderungen in der Registry bezüglich des Prefetching als Humbug erwähnt werden.

Overtuned

Wenn man ein System mit 18 Autostart-Einträgen benutzt, gehört man geschlagen. Gerade bei Windows lautet die Devise: Weniger ist mehr. Nur das laufen lassen, was absolut nötig ist. Leider gibt es viele Sammler & Jäger, deren Programme diverse Update-Mechanismen mitbringen (dazu gehört leider auch das offizielle Java, was sich gerne kaputt-updatet) oder sich für so wichtig halten, daß sie meinen, ständig mitlaufen zu müssen.

Ich habe mir zum Beispiel Scripte geschrieben, die sogar Dienste und Nicht-PnP-Treiber abschaltet, die nur für Anwendungen gebraucht werden, die ich alle Schaltjahre mal anwerfe.
Der Vorteil bei der ganzen Aktion:
Nicht nur der Bootvorgang wird beschleunigt (warum legt man darauf überhaupt so viel Wert? Die Zeit, die man mit einer Optimierung dessen verbringt, rechnet sich nicht einmal ansatzweise mit der auf, die man spart, davon abgesehen merkt man es eh nicht, ob man nun seinen Kaffee langsamer oder schneller dabei trinkt), sondern auch die Ressourcen, allen voran die der CPU und des RAMs, werden im laufenden Betrieb geschont, sodaß mehr "Power" für andere Programme übrig bleibt.

Die "Chip" ist für mich ohnehin ein Propaganda-Blatt. Die darin enthaltene Schleichwerbung hat mich vor Jahren veranlaßt, zu seriösen Zeitschriften wie die c't (andere sind mir bisher nicht untergekommen) zu wechseln.

Eines sei noch zum Schluß gesagt:
Die Aussage, daß man ein System nur dann richtig flott kriegt, wenn man es völlig neu aufsetzt, kann ich nur bestätigen. Selbst renommierte oder lange am Markt bestehende Programme schaffen es bis heute (und wir schreiben mittlerweile 2010, vier Jahre nach Erscheinen dieses Artikels) nicht, sich sauber aus dem System zu sezieren. Was wirklich nach einer gelungenen Aufräumaktion (wenn verdammt viel Schrott im System war) hilft, ist das Säubern und Zusammenpacken der Registrierung. Da sollte man aber nur Programme wie Microsofts RegClean oder den OLE-Cleaner dran lassen, weil viele es zu gut meinen oder schlicht keine Ahnung haben (Profis kennen Programme, deren Ergebnisse sie selektiv anwenden können, nachdem sie sie händisch durchgesehen haben). Gerade "1 Klick-Wartungen" haben es oft in sich: Danach geht mitunter nämlich gar nix mehr. Die Registrierung von unnötigen Löchern befreien kann übrigens sehr gut NTREGOPT (ERUNT ist an dieser Stelle auch sehr zu empfehlen -- dies sind Sekunden, die ich bei der Bootzeit gerne opfere, weil sie der Sicherheit dienen).