Computerfreak.. möchte ich nicht sein

Seit vielleicht viel zu vielen Jahren beschäftige ich mich mit Computern. Es begann in den frühen 1980igern und führte nach dem Umweg einer Ausbildung zum Bankkaufmann 1992 zum „professionellen“ Arbeiten mit Computern, Software und Netzwerken in der Funktion als Systemadministrator.

In der ganzen Zeit wurden und werden meine Kollegen und ich immer wieder als „Computerfreak“ oder kurz „Freak“ bezeichnet. Häufig im Zusammenhang mit Anwenderfehlern: „Ich bin halt nicht so ein Computerfreak wie du“.

Laut Wikipedia wird der Begriff Freak heute „wohlwollend anerkennend verwendet“. Es tut mir leid, aber ich empfinde das beim besten Willen nicht so. Auch und ganz besonders nicht in einer Zeit, wo jeder von uns in seiner Hosentasche mehr Computer und Rechnerleistung mit sich herumträgt als jemals zuvor und diese ganz selbstverständlich nutzt. Keiner von uns ist ein „Freak“, weil er sich mit etwas aus Interesse oder auch nur zum Geldverdienen beschäftigt. Ich empfinde die Bezeichnung immer noch in ihrem ursprünglichen Sinne als abwertend und ich möchte einfach nicht so bezeichnet werden.

Ich werde das erst akzeptieren, wenn dieselben Leute bei der Polizeikontrolle nach Geschwindigkeitskontrolle zum Polizisten sagen: „Tut mir leid, ich bin nicht so ein Sicherheitsfreak wie du“. Oder den Versicherungsvertreter als „Policenfreak“ ansprechen.  Oder Anwälte und Richter als „Rechtsfreaks“ titulieren.

Intelligente Stromzähler/Smartmeter

Ab 2020 sollen „intelligente“ Stromzähler, sogenannte Smartmeter in flächendecked installiert werden. Das sieht zumindest der aktuelle Gesetzesentwurf zur „Digitalisierung der Energiewende“ vor.

Davon abgesehen, dass der Entwurf haarsträubende Mängel hat und bestenfalls an das übliche Herumstümpern der Regierung bei nahezu allen Themen der Digitalisierung erinnert, habe ich nicht einmal was gegen Smartmeter zu Stromzählung. Die Idee dahinter ist nämlich grundsätzlich keine Schlechte.

2011 startete mein lokaler Energieversorger einen neuen Tarif mit Smartmeter, der Tag- und zeitabhängig unterschiedliche Strompreise bot und der aktuelle Verbrauch in 15 Minuten Intervallen an den Versorger übermittelt wurde. Die Daten konnten per Webseite oder mit einer iPhone App abgerufen werden. Gab einfache Grafiken, Vorhersagen, Historie des Stromverbrauchs, alles hübsch übersichtlich. Die Idee fand ich super, weil ich auch die jährlichen Ablesetermine mit den dann meist folgenden Nachzahlungen einfach gehasst habe.Also habe ich mich so schnell wie möglich dafür angemeldet.

Hat geklappt, Zähler wurde ausgetauscht, zum Glück ist er nur im Tiefpaterre eingebaut, denn sonst hätte die Datenübermittlung per angeschlossenem Mobiltelefon und SMS wohl nicht funktioniert. Und auch gut, dass ich in einem Haus mit nur drei Mietparteien wohne, wie so etwas in einem Hochhaus aussehen würde, mag ich mir nicht vorstellen.

So habe ich ab 2011 jeden Monat genau das bezahlt, was ich auch verbraucht habe. Keine Nachzahlung, keine Überzahlung, keine Überraschung am Jahresende. Ich habe gesehen, was passiert, wenn zuhause meine drei Server und die ganzen Terraienbeleuchtungen im Dauerbetrieb liefen. Ich hatte die Möglichkeit, Geräte mit hohem Stromverbrauch wie Waschmaschine/Trockner/Geschirrspüler in der güstigeren Nachttarifen laufen zu lassen. Ich habe nur mit diesen Infos schon meine Rechnung von einer Vorauszahlung von monatlich 120 €  auf unter 90 € reduzieren können. In Urlaubszeit entsprechend weniger.  Für mich hatte dieser Tarif tatsächlich nur Vorteile.

Schade nur, dass er zum Ende 2015 eingestellt wurde. Das Smartmeter bleibt zwar installiert, nutzt mir nur nichts, weil ich ohne einen gewissen Bastelaufwand nicht mehr an die Daten rankomme. Auch habe ich keine Zeiten mit günstigeren Strompreisen mehr. Und, Überraschung, ich habe wieder die verfluchten festen Vorauszahlungen. Gibt es eine Alternative für mich? Nein. Ich habe hier tatsächlich keinen Anbieter gefunden, der mir einen Tarif mit monatsgenauer Abrechung und Smartmeter anbieten will/kann.

Ich bin mir auch der Nachteile von echten Smartmetern durchaus bewusst. Die Datensammlung, die damit möglich ist. Das Missbrauchspotential davon. Obwohl das in den Zeiten, wo jeder seine Daten dank Payback und Co. sowieso ohne Bedenken den Firmen vor die Füsse wirft, vielleicht weniger eine Rolle spielt. Die Anfälligkeit, falls die Dinger tatsächlich remote gesteurt werden können. Ein Fehler bei der Implementantion und eine ganze Stadt ist schwarz. Die Freude, wenn Einbrecher an die Daten kommen und an den Profilen erkennen, wann bestimmt niemand zuhause ist. Auch wenn ich glaube, dass man all das in den Griff bekommen könnte. Der Umwelt und dem Geldbeutel täten echte Smartmeter mit vernünftigen Tarifen jedenfalls gut. Ich hätte gerne wieder eines.

Personalisierter Scam per SMS

Vor kurzem erreichte mich folgende SMS:

scam

Tja. Anrede passt. Ort passt. Also kann man ja mal nett antworten oder gar zurückrufen und nachfragen, wer denn den den „lieber Micha“ da überhaupt treffen will.
Aber was ist mit der Telefonnummer? Die kenne ich schlicht und einfach nicht und sie wird meines Wissens nach in der Form auch nicht von deutschen Telefonprovidern vergeben. Aus den USA  kenne ich auch niemanden, der mich so anschreiben würde.

Also lassen wir das mal schön mit dem Rückruf, denn  ich habe keine Lust auf eine horrende Telefonrechung, weil ich irgendwelche Abzocknummern angerufen habe. Aber ich muss gestehen: Der Versuch ist gut gemacht. Woher die „bad Guys“ meine Daten haben? Ich weiss es es nicht. Eventuell aus dem LinkedIn Hack?

 

Bin ich wieder da?

Nach vielen Jahren wieder ein neuer Anlauf zum (Neu-) Start von DerFisch.de. Lange Zeit habe ich die Seite liegen lassen, habe sie ignoriert, habe einfach keine Lust und Energie dafür gehabt. Auch wusste ich überhaupt nicht, was ich schreiben soll.

Mein Thema früher war Windows, mein Leben als Admin damit, die Unterstützung für die Anwender und die Auseinandersetzung mit den ewig wiederholten blödsinnigen Tuning- und Sicherheitstipps. Doch irgendwann war ich dessen müde. Die Welt hat sich weitergedreht, ich habe mich verändert, die Interessen und auch die Aufgaben, sowohl privat als auch beruflich, haben sich geändert.

Also liess ich die Seite sterben. Es war ein Tod auf Raten. Immer wieder habe ich versucht, die Zeit und die Lust zu finden, mich ihr wieder zu widmen. Vergebens. Jetzt ist viel Zeit vergangen, die alten Leser und Weggefährten haben resigniert und die Seite aufgegeben. Das ist auch gut so. Es gibt zu diesen Themen besseres Sites, die Informationsanforderungen, die Möglichkeiten haben sich geändert. Und die Technik, die Werkzeuge, die heute eine Rolle spielen, sind andere.

Also habe ich aufgeräumt. Habe alles, was sich hier früher dazu hier fand, entsorgt. Es blieben drei Artikel übrig, die ungefähr das widerspiegeln, was DerFisch.de heute sein kann. Eine Seite, auf der ich ab und an notiere, was mich bewegt, worüber ich mir Gedanken mache, was vielleicht mehr als nur ein paar dünne Worte in den sozialen Medien verdient. Die Inhalte werden subjektiv sein, ich bemühe mich hier nicht um „Ausgewogenheit“, um political Correctness oder dass ich anderen nicht auf die Füsse trete. es wird keine regelmäßigen Updates geben. Ich schreibe, wann ich Lust habe, wenn ich etwas zu sagen habe, und ich schweige, wenn ich nichts sagen möchte.

Hier schreibe ich. Wen es interessiert, der darf bleiben, darf kommentieren, darf mit mir diskutieren. Soll das sogar. Ich möchte Feedback, egal, welcher Art. Was ich nicht will, ist Hass. Wer kommentiert, akzeptiert, dass ICH hier das Hausrecht habe und ausübe.  Kommentare, die ich unangemessen finde, die Hass transportieren, die andere diskriminieren, lösche ich. Da lohnt auch keine Diskussion mit mir.  Auch Werbung werde ich hier nicht dulden.

Dies ist gesagt, nun freue mich ich mich auf die Zukunft. Wie immer sie auch sein wird.

 

Google Reader wird eingestellt

Es gibt so Tage, da sollte man erst gar nicht an den Rechner gehen. Noch bevor ich meine tägliche Tour durch die aktuellen News beginnen kann, begrüßt mich der Google Reader mit der Meldung, dass dieser Dienst demnächst “aufgrund gesunkener Nutzerzahlen” eingestellt wird.

Na Klasse. Seit Jahren nutze ich diesen Dienst nun schon, um mir einen schnellen Überblick über meine favorisierten Nachrichtenquellen (Heise, Spiegel, EFB, Xing und diverse andere) zu verschaffen. Dank Addons in Firefox wie Adblock, Noscript und GoogleReader Plus klappt das schnell, nahezu werbefrei und ohne viel Herumgeklicke. Insbesondere die Möglichkeit, die Artikel inline im Volltext zu sehen, anstatt nur den Anrisstext, wie ihn beispielsweise Heise und Spiegel Online zur Verfügung stellen, vereinfachte die Nutzung für mich enorm. Keine Notwendigkeit, neue Tabs zu öffnen oder ständig den Backbutton zu benutzen, alles schön auf einer Seite.

Dazu noch die diversen Clients für die mobilen Plattformen. Reeder auf IOS, gReader auf Android, beide erlauben eine ähnliche Bedienung, das Lesen der Artikel im Volltext, ohne die App zu verlassen. Auf Wunsch werden die Artikel auch noch auf den reinen Text reduziert, was mobil Bandbreite spart und die Konzentration auf den Inhalt erlaubt. Zusätzlich gibt es noch bei Android ein Widget, dass die neuesten Schlagzeilen zentral anzeigt. Nicht zu vergessen die Synchronisierung, was auf dem einen Gerät gelesen wurde, taucht auf den anderen nicht mehr auf, was einmal getaggt wurde, ist überall verfügbar.

Über die Jahre habe ich mir diverse Alternativen angesehen, gefunden habe ich bislang keine. Heute habe ich sogar Geld ausgegeben und mir Fever installiert. Sieht halbwegs brauchbar aus, schlank, schnell, aber inline View? Fehlanzeige. Brauchbare Clients auf Mobilgeräten? Nicht vorhanden. Meltdown ist auf Android nicht so dolle, der Volltext wird in einem seperaten Browserfenster angezeigt. Ausserdem ist da nichts mit einfachem Wischen, um durch die Artikelliste zu navigieren, da müssen Schaltflächen getroffen werden. Widget gibt es auch keines. Aber schnell ist er.

Ist Feedly eine Alternative? Nicht für mich, denn trotz der umfangreichen Konfigurationsmöglichkeiten und der durchaus gelunegen Oberfläche fehlt mir auch hier ein funktionierender inline View. Die Apps sehen zwar klasse aus und sind auch auf den Mobilgeräten sehr gut angepasst, aber trotzdem muss ich, wenn ich mehr als den Anrisstext lesen will, in den Browser wechseln.

Vielleicht werden ja noch ein paar der diversen Apps für Mobilgeräte angepasst, dass sie zusammen mit Feedly oder Fever benutzt werden können. Reeder für IOS soll ja immerhin schon mit Feedly zusammenarbeiten. Vielleicht muss ich mich ja doch nicht völlig umgewöhnen. Ja, ich hänge an RSS, meine News aus “sozialen Netzwerken” über andere Aggregatoren zu beziehen, funktioniert nicht für mich. Ganz davon abgesehen, dass ich mich dann in die nächste Abhängigkeit von einem Anbieter begebe.

Aber was kommt als nächstes? Was stellt Google nächstes Jahr ein? Google Mail? Android? Chrome? Das bislang verfügbare, stabile und bewährte Active Sync wurde ja schon abgeschaltet. Adblocker wurden heute aus dem Playstore verbannt. Warum? Weil Google es kann. Technisch gibt es keinen Grund dafür. Andere Konzerne sind da sicherlich auch nicht besser, Microsoft und Apple sind auch nicht gerade leuchtende Vorbilder für die langandauernde Verfügbarkeit von (kostenlosen) Diensten oder die Offenheit ihrer Plattformen.

Wirklich bedenklich sind solche Entwicklungen dann, wenn man sich den Trend zum Cloud Computing ansieht. Die Google eigenen Android Geräte aus der Nexus Serie haben vergleichsweise wenig Speicher,der auch nicht mit SD Karten erweitert werden kann. Warum auch, Google möchte ja, dass alle Daten in der Cloud, vorzugsweise auf Googles Servern, abgelegt werden. Genau dafür ist ja auch das Chromebook entwickelt und designt. Microsoft macht ähnliches mit seinen Surface Tablets und Apple lässt sich schon immer jedes Kilobyte an Speicher fürstlich entlohnen.

Warum sollte man seine Daten auch nicht in der Cloud ablegen? Kostet ja (derzeit) fast nichts. Musik und Bücher schön bei Amazon oder Apple lagern, seine gesamte Korrspondenz, seine Kalender und Emails bei Google Docs und Gmail oder Outlook.com, seien Leben bei Facebook dokumentieren. But there is no such thing as free lunch. Was passiert, wenn die Dienste dann doch abgeschaltet werden, weil sie nicht mehr rentabel sind. Oder plötzlich echtes Geld kosten, weil man sich alleine mit Werbung eben doch nicht auf Dauer dumm und dämlich verdienen kann? Wenn ich alles in der Clound habe und mangels Hardware gar nicht mehr die Möglichkeit habe, meine Daten, meine Musik, meine Ebooks lokal zu sichern/zu nutzen? Was?

Von grossen Klappen und dicken Lippen

Freunde haben es mir ja schon immer gesagt: “Irgendwann fängst du dir eine dicke Lippe, wenn du deine Klappe nicht halten kannst”. Tja, was soll ich sagen: Sie hatten Recht:-) Wie das passiert ist? Ich fuhr heute Morgen wie immer müde mit der U-Bahn zur Arbeit. Eine Station vor meinem Ziel Aufruhr auf dem Bahnsteig, Sicherheitspersonal läuft zusammen, jemand brüllt durch die Gegend. Normale Szenen eines Großstadttages.

Die vollbesetzte Bahn fährt wieder an. Durch den Wagen stricht plötzlich eine relativ abgerissene Gestalt, zwischen 27 und 32 Jahren, 1,75, osteuropäische Herkunft, Alkoholfahne verbreitend und rempelt/pöbelt Fahrgäste an. Besonders gerne weibliche Fahrgäste. An einer der Türen sehe ich eine meiner Arbeitskolleginnen. Er nähert sich ihr, wirft sich an sie ran, will sie befummeln. Sie nimmt Reißaus, dummerweise in meine Richtung. Tja, und da konnte ich einfach nicht mehr sitzen bleiben und habe mich dem Typen in den Weg gestellt. Leider als einziger.

Anfangs blieb es ja bei Worten. OK, er hat mir die Brille von der Nase geschlagen, als ich ihn unter Einsatz meiner nicht unbeträchtlichen Körpermasse zurückdrängte. Macht ja nichts, ein netter Zeitgenosse half mir zwar nicht, aber hob immerhin die Brille auf und gab sie mir wieder. Dann öffneten sich die Türen der Bahn in der Station. In dem Moment hing unser “Freund” wie eine Klette an mir, zog mich hinaus und wir torkelten gegen die Wand auf dem Bahnsteig. Dann fing er an, zuzuschlagen, Das ließ sich ja noch recht gut abwehren, als er allerdings mit Kopfstössen anfing, wurde es doch etwas unangenehm. Faszinierend waren auch die Menschenmassen, die sich eilig an uns vorbeidrängten.

Nachdem ich etwa 5 Mal recht laut und eindringlich rief “Könnte mir eventuell mal jemand helfen”, fanden sich dann doch etwa 6 bis 10 Leute, die stehen blieben und uns trennten. Erstaunlicherweise waren die ersten, die sich trauten, ausnahmslos Frauen. Ich kann also sagen, Frankfurter helfen auch, wenn man zusammengeschlagen wird …irgendwann jedenfalls.

Naja, inzwischen läuft halt Anzeige gegen Unbekannt, weil der unbekannte Schläger sich schnellstens verkrümelte, ich habe eine aufgeplatzte dicke Lippe und ein wenig Kopfweh. Und das Gefühl, trotzdem das Richtige getan zu haben. Und ich weiss jetzt, dass ich nicht alleine bin. Es helfen auch andere. Nicht gleich, nicht sofort, aber wenn man blutet und um Hilfe ruft, geht das schon.

Von Spannern und Maulhelden

Donnerstag, 19. Dezember 2002, 17:30 Uhr. Feierabend. Ich kann Locus Notes einfach nicht mehr sehen. Rechner aus, Mantel, Tasche und raus. Komisch, als ich heute Morgen zur Arbeit kam, war es genauso dunkel. Winter halt. Durch die Hochhausschluchten von Frankfurt ist der Vollmond zu sehen. Groß, klar und so deutlich, dass man ihn vom Himmel pflücken und einstecken will.

Der Weg führt an zwei Hochhäusern vorbei zur U-Bahnstation. Eine Kreuzung. Dichter Feierabendverkehr, gereizte Autofahrer, denen es an der Ampel nicht schnell genug gehen kann. Eine oder zwei Schulklassen kreuzen die Strasse, kommen vom Weihnachtsmarkt oder der Zeil, bestaunen die EZB oder sich gegenseitig. Ich grinse in mich hinein: “Oh, ich war auch mal so pubertär”, gehe weiter.

Bremsen quietschen. Ein dumpfer Schlag. Umdrehen.

Eine Menschenmenge läuft um einen Wagen zusammen. “Weitergehen oder nachsehen? Es sind doch schon so viele da, da kannst du doch nichts machen. Außerdem: Ich hasse Gaffer! Obwohl…”

Dreißig bis vierzig Leute stehen herum. Unter dem Wagen liegt ein Mädchen, vielleicht 17, vielleicht 22. Es ist schwer zu erkennen, denn offensichtlich ist sie beim Aufprall mit dem Gesicht irgendwo aufgeschlagen und die Vorderzähne sind zertrümmert. Sie ist wach, ein anderes Mädchen hält ihre Hand und redet beruhigend auf sie ein. Ein Mann sitzt daneben, Mitte 30, er zittert, ist total verkrampft, der Rotz hängt ihm vor der Nase, er ist ein einziges Muskelbündel: “Wo kam sie plötzlich her, wo kam sie plötzlich her?”

Ich hocke mich neben ihn, nehme ihn in den Arm, brabbele so Dinge wie “Ganz ruhig… psst…..nicht so schlimm….. das wird wieder… locker….. ruhig…”. Ich muss ihn sehr fest halten, um überhaupt zu ihm durchzukommen. Die Menschen gaffen. Ich brülle sie an: “Hat jemand ein Handy? Hat jemand den Notarzt gerufen?” Vierzig Menschen starren. Eine junge Frau tritt vor; sie hat wohl schon von sich aus die Initiative übernommen.

Ein Mann brummelt: ”Kann nicht jemand anders sich um das Opfer kümmern? Das sind meine Schülerinnen, die da bei ihr sind”. Kinder von sechzehn/siebzehn Jahren, die mehr Mut haben als ihr Lehrer, als gestandene Männer, die nur glotzen. Ich könnte kotzen.

Ein Mitglied des Wachschutzes der EZB kommt zu mir, kennt offensichtlich den Fahrer, hilft mir. Gemeinsam führen wir ihn vom Opfer weg, reden weiter beruhigend auf ihn ein Plötzlich springt von den Gaffern einer auf ihn zu, brüllt “Du bist zu schnell gefahren! Das geschieht dir recht!” Der Geifer spritzt dem Krawattenträger von den Lippen. Ich brülle zurück: “Halts Maul, du Trottel. Meinst du nicht, dass er hier gerade andere Probleme hat? Hilf lieber!”

Er tapselt zurück zu den anderen Spannern, brabbelt zu seinen Kumpanen etwas von “Geschieht ihm recht… Frankfurter Krankheit…. alle zu schnell…..”, verdrückt sich in der Menge.

Zusammen mit anderen Mitarbeitern des Wachschutzes schieben wir das Auto nach hinten, damit man sich besser um das Opfer kümmern kann. Der Verkehr staut sich, die Autofahrer sind gereizt, einer bleibt mitten auf der Strasse stehen und macht keinen Zentimeter Platz, steht uns im Weg, schimpft hinter geschlossenen Scheiben. Es ist schließlich Weihnachtszeit, man will nach Hause. Das angefahrene Mädchen liegt währenddessen ganz still, ist vom(hoffentlich nur vom) Schock gelähmt, zwei Passanten haben endlich die Schülerinnen abgelöst. Die Jungs vom Wachschutz decken sie mit ihren Jacken zu, warten auf den Arzt, reden ihr beruhigend zu, drücken ihre Hand.

Die Polizei kommt, die Feuerwehr, der Notarzt. Sie fahren das Mädchen weg, ein weiterer Arzt kümmert sich um den Unglücksfahrer, er wird später auch in die Klinik gebracht. Ich gehe, die Menge löst sich auch langsam auf.

Ja, so etwas passiert täglich hundertfach hier auf den Straßen, das ist sicherlich nichts Besonderes. Es ist morgen nur eine Randnotiz in der Lokalzeitung. Ich weiß nicht einmal, wer schuld war am Unfall. Die Ampel ist sowohl für Linksabbieger als auch für Fußgänger gleichzeitig Grün. Oder sie huschte bei Rot über die Ampel und hat ihn einfach übersehen. Vielleicht war er auch zu schnell. Ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen und es spielt auch nicht wirklich eine Rolle.

Was mich dabei nur so unglaublich anwidert, ankotzt, wovon mir einfach nur noch schlecht wird und wofür ich absolut kein Verständnis habe: Was treibt all diese Riesenarschlöcher, diese Maulhelden und Feiglinge an, bei einem Unfall so herumzustehen und NICHTS ZU TUN AUSSER ZU GLOTZEN? Wenn sie nichts tun wollen, sollen sie sich verpissen. Keiner von ihnen hat geholfen, keiner hat den Wagen weggeschoben, (fast) keiner hat seine Jacke dem Mädchen gegeben, keiner wollte sich zu ihr setzen. Nein. Sie wollten alle nur Spannen und im Weg herumstehen. “Oh wie toll, man sieht echtes Blut, echte Opfer, echte Schmerzen, echtes Leid”. Und der Schlimmste von allen war dieses selbstgerechte Arschloch, der nichts vom Unfallhergang gesehen hat, keinen Finger zur Hilfe gerührt hat, aber den unter einem schweren Schock stehenden Unfallfahrer anschreien musste.

Und von diesen feigen Maulhelden gibt es so viele…